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Bau einer Blattflechte (Querschnitt) (Quelle: Kirschbaum und Wirth, 1995)

1+1=1: Die Flechten
Erst seit etwas mehr als hundert Jahren ist bekannt, dass Flechten keine eigenständigen Organismen sind, sondern eine enge Lebensgemeinschaft (Symbiose) aus Pilz und Alge darstellen. In einer Symbiose profitieren beide Partner voneinander: Der chlorophyllfreie Pilz, der selbst nicht in der Lage ist, organische Substanzen (Zucker, Stärke usw.) aus anorganischen Ausgangsstoffen (wie Kohlendioxid und Wasser) zu produzieren, wird von der Alge, die zur Photosynthese befähigt ist, mit diesen Stoffen versorgt. Der Pilz stützt und befestigt mit seinem Gewebe die Algen und gibt der ganzen Flechte einen Halt auf ihrer Unterlage. Nur er kann Wasser und Mineralstoffe aus der Umgebung aufnehmen, was wiederum der Alge zugute kommt.

Vorkommen von Flechten
Nach der äußeren Gestalt unterscheidet man zwischen Krusten-, Blatt- und Strauchflechten. Die Krustenflechten bilden dünne, krustige Thalli auf der Unterlage (dem Substrat). Bei den Blattflechten erheben sich blattartig geformte Teile des Lagers vom Substrat ab. Bei den Strauch-flechten ist dies noch ausgeprägter, zudem sind umfangreiche Teile des Lagers stielförmig rund und lang gestaltet.
Flechten können die unterschiedlichsten Substrate (Unterlagen) besiedeln. Man findet sie auf Erdboden und Gestein sowie epiphytisch auf anderen Pflanzen, meist auf der Rinde von Laub- und Nadelbäumen. Auf nackten Geröll- und Gesteinsfluren sowie auf dürftigen Böden sind Flechten Erstbesiedler und ermöglichen somit die Ansiedelung höherer Pflanzen. Kalkbewohnende Flechtenarten tragen zur Verwitterung des Gesteins bei, das sie mit ihren Flechtenstoffen zu lösen vermögen.
Flechten sind in allen Klimazonen der Erde anzutreffen. Auch in extremen Zonen wie arktische Tundra und Wüste dringen sie als Vorposten des pflanzlichen Lebens ein. Das üppigste Flechtenwachstum findet man allerdings in luftfeuchten und regenreichen Gebieten, wo eine ständige Versorgung mit Feuchtigkeit gewährleistet ist, denn Flechten sind nicht in der Lage, Wasser zu speichern.

Verwendung von Flechten
Flechten werden schon lange zu ganz unterschiedlichen Zwecken verwendet:

Weitere und sehr detaillierte Informationen bieten einige Standardwerke über Flechten wie

Henssen und Jahns (1974): Eine Einführung in die Flechtenkunde
Umfassende Informationen über die Geschichte der Lichenologie, die Zusammensetzung und Entstehung von Flechten, über die wirtschaftliche Bedeutung, über Bau und Stoffwechsel, Wachstum und Vermehrung, Ökologie und Verbreitung, Klassifizierung und Taxonomie;

Masuch (1993): Biologie der Flechten.
Bietet ebenfalls einen umfassenden Überblick – mit praktischen Hinweisen! – über die Themen „Was sind Flechten?“, Flechtenbestimmung, Aufbau der Flechten, Flechtensymbiose, Stoffwechsel, Fortpflanzung und Vermehrung, Flechtenwachstum, Flechtenchemie. Ökologie und Taxonomie;

sowie auch diverse Seiten im Internet, u.a.:
http://ocid.nacse.org/lichenland
Dahinter verbergen sich witzige und informative Seiten zur Flechtenbiologie.

http://fschumm.de/index.html
Der Mathematiker und Physiker Felix Schumm lädt in seine Flechtengalerie ein. Mikroskopische Präparate von Flechten sind seine Spezialität.


Und…

Mitte des 19. Jahrhunderts hat man v.a. in England und Frankreich beobachtet, dass sich vor allem die auf Bäumen lebenden Flechtenarten aufgrund der Schadstoffbelastung der Luft aus Städten und Industriegebieten zurückzogen (Grindon, 1858; Nylander, 1866). Etliche Arten sind bei uns schon ausgestorben oder vom Aussterben bedroht. Ungünstig haben sich vor allem die Umweltbedingungen in Ballungs-/Verdichtungsräumen ausgewirkt, da Flechten sehr empfindlich gegenüber Luftverunreinigungen reagieren. Außerdem herrschen in diesen Gebieten für die Flechten ungünstigere klimatische Bedingungen: Die Luftfeuchtigkeit und Temperatur sind hier im Mittel niedriger als im Umland. Die Zentren von Großstädten waren deshalb nicht selten regelrechte „Flechtenwüsten“. Weltweit wurden seither viele Untersuchungen durchgeführt, bei denen Flechten gezielt zur Bestimmung der Luftqualität bzw. der Umweltbelastung eingesetzt wurden. Sie dienen somit als lebende „Messinstrumente“ (Bioindikatoren).



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