.


Standardisierung der Durchführung von Kartierungen:
Zur Standardisierung von Bioindikationsverfahren hat der Verein Deutscher Ingenieure 1995 auch für dieses Verfahren eine Richtlinie heraus-gegeben (VDI 3799, Blatt 1). Diese Richtlinie wurde auf der Basis einer EU-Vorlage aktualisiert bzw. angepasst und im Dezember 2005 ver-öffentlicht (VDI 3957, Blatt 13).
Da in Deutschland Mitte/Ende des letzten Jahrhunderts überwiegend Kartierungsverfahren eingesetzt wurden, die Artenzahl und Artenhäufigkeit (Frequenz) zur Ermittlung von Luftgütewerten benutzten – so auch die VDI-Richtlinie 3799, Blatt 1 – und aus den oben genannten Gründen der Flechtenbewuchs fast ausschließlich auf Bäumen mit natürlicherweise neutralen Rinden untersucht wurde, ergab sich folgende Entwicklung:
> Als um 1970 die ersten Kartierungen erfolgten, waren die Luftgütewerte relativ niedrig; die Flechtenvegetation bestand aus Acidophyten und wenigen Eutrophierungszeigern.
> Bedingt durch die Erfolge der Luftreinhaltung in den 80er Jahren nahmen nun zwar die Acidophyten bereits leicht ab; die Flechtenwerte stiegen dennoch wegen der überproportionalen Zunahme der Neutrophyten und der Eutrophierungszeiger.
> Seit Beginn der 90er Jahre spielen die Acidophyten mengenmäßig eine immer untergeordnetere Rolle, der Zuwachs (und damit der Anstieg der Luftgütewerte) geht also überwiegend auf das Konto der Neutrophyten und Eutrophierungszeiger. Während die Zunahme der Neutrophyten auf bessere lufthygienische Bedingungen hinweist und damit erwünscht ist, weist die Zunahme der Eutrophierungszeiger auf eine uner-wünschte Erhöhung der Konzentrationen von eutrophierend wirkenden Immissionen hin.
In dieser Situation erweist sich folglich die Berechnung eines Indexes, der – wie in VDI-Richtlinie 3799, 1 – auf der Aufsummierung aller Flechtenarten beruht, u. U. als nicht mehr zielführend für die Beurteilung der Immissionsbelastung, weil hohe Diversitätswerte nicht auto-matisch mit einer verringerten Immissionsbelastung einhergehen. Vielmehr ist es sinnvoll, den Anteil der Eutrophierungszeiger an der Erhöhung der Flechtendiversität zu erfassen und bei der Bewertung der lufthygienischen Situation negativ zu belegen. Die Vorgehensweise nach VDI 3957, Blatt 13, stellt eine Weiterentwicklung des in den Niederlanden seit längerem eingesetzten Verfahrens der Berechnung eines Nitro- bzw. eines Acido-Indexes dar und geht mit diesem Ansatz auch über den Vorschlag für eine europäische Flechtenkartierungsrichtlinie hinaus.


Flechtenkartierung nach VDI 3957, Blatt 13 (2005):

Das Prinzip dieser Methode beruht auf der Annahme, dass eine hohe Artenvielfalt im Allgemeinen auf günstige Bedingungen für das Über-leben vieler Arten (einschließlich des Menschen) schließen lässt und daher anstrebenswert ist. Es ist jedoch auch denkbar, dass bestimmte spezialisierte Arten durch die intensive Wirkung eines abiotischen Faktors (z.B. Stickstoffverbindungen oder andere Immissionen mit eutro-phierender Wirkung) gefördert werden. In diesem Fall muss die alleinige Zunahme dieser speziellen Arten negativ bewertet werden, weil ihre Auslöser Störungen in den Ökosystemen nach sich ziehen (z.B. Eutrophierung). Die Flechtendiversität wird hier also als Indikator für die Be-lastung der Luft durch Luftverunreinigungen sowohl saurer als auch eutrophierender Art verwendet.

> Messnetz:
Je nach Aufgabenstellung ist anstelle der flächenbezogene Kartierung auch eine punktbezogene Vorgehensweise möglich, z.B. hinsichtlich der im Untersuchungsraum bestehenden Flächennutzung (Wohn-/Industriegebiete, landwirtschaftliche Nutzflächen, Hauptverkehrsstrassen usw.).

> Auswahl der Baumart(en) für die Kartierung:
Baumarten, die jeweils gemeinsam untersucht werden können, sind in der VDI-Richtlinie in einer Liste zusammengefasst. Sie werden unterteilt in Bäume, die unter natürlichen Verhaltnissen eine mehr oder weniger subneutrale bzw. saure Rinde aufweisen.

Flechtenaufnahmegitter

> Aufnahme der Flechten:
Die Erfassung der Flechtenvegetation erfolgt an den ausgewählten Bäumen jeweils an der Nord-, Ost-, Süd- und West-Seite des Stammes in gleicher Höhe in einem Bereich von 1,00 bis 2,00 m bzw. unterhalb der ersten Verzweigung mit Hilfe eines Aufnahmegitters („Flechtenleiter“). Dieses Aufnahmegitter besteht aus 4 unabhängigen Gitterstreifen mit je 5 10 cm x 10 cm großen Feldern.
Es wird bestimmt, welche Flechtenarten in den einzelnen Gitterstreifen vorkommen (prinzipiell werden alle Flechten aufgenommen) und ausgezählt, in wie vielen Quadraten des Gitterstreifens sie jeweils auftreten. Die Anzahl der Quadrate, in denen eine Flechtenart in einem Gitterstreifen vor-kommt, wird als Frequenz bezeichnet. Sie bildet die Grundlage der quantitativen Erfassung der Flechtenvegetation.


> Aus- und Bewertung der Kartierungsdaten:
Dem Luftgüteindex liegen die Diversität des Flechtenvorkommens und die Häufigkeit der einzelnen Arten in einer Messfläche zu Grunde.
Unter Diversität wird in der Ökologie die Anzahl von Arten verstanden, die auf einer bestimmten Fläche gefunden werden. Darüber hinaus besitzt auch die Frequenz (Häufigkeit), mit der eine Art auf einer Fläche vorkommt, Informationsgehalt. Deshalb wird bei diesem Verfahren die mit der Frequenz gewichtete Diversität als Bewertungskriterium genommen. Sie wird hier als Flechtendiversitätswert (FDW) bezeichnet und als statistischer Schätzwert der lufthygienischen Bedingungen auf einer Messfläche benutzt. Aufgrund der unterschiedlichen Einflüsse, die eutrophierende und nicht-eutrophierende Luftverunreinigungen auf das Vorkommen von Flechten (und anderen Lebewesen) haben, wird der Flechtendiversitätswert für die Eutrophierungszeiger und für die übrigen Arten ("Referenzarten") getrennt berechnet. Dazu sind in VDI 3957, Blatt 13, bestimmte Flechtenarten als Eutrophierungszeiger angegeben. Die Bewertung einer Messfläche und damit ihr „Luftgüteindex“ ergibt sich aus der Kombination der Diversitätswerte der Eutrophierungszeiger und der anderen Arten.

Die Frequenzen der einzelnen Flechtenarten werden zuerst für jeden Baum, jede Himmelsrichtung sowie für die Eutrophierungszeiger und die Referenzarten getrennt aufsummiert. Aus den errechneten Frequenzsummen aller Bäume einer Messfläche berechnet man anschließend – immer noch nach Himmelsrichtungen getrennt – die mittleren Frequenzsummen. Diese werden dann zum Flechtendiversitätswert für die Eutrophierungszeiger und für die Referenzarten aufsummiert. Die Reihenfolge von Additionen und Mittelbildung ist einzuhalten, weil sonst systematische Fehler auftreten könnten.


Hat man die Flechtendiversitätswerte errechnet, wird die Luftgüte anhand der Vielfalt und Artenzusammensetzung der Flechtenvegetation verbal mit "sehr hoch – hoch – mäßig – gering – sehr gering" bewertet, mit einem Index – dem Luftgüteindex (LGI) – beziffert und für die kartografische Darstellung mit einer Farbe belegt. Die Bewertung wird anhand der Diversitätswerte für die Eutrophierungszeiger und für die Referenzarten und der in VDI 3957, Blatt 13, vorgegebenen Bewertungsmatrix vorgenommen.

Der Luftgüteindex setzt sich hierbei aus zwei Ziffern zusammen, die durch den Buchstaben E (Eutrophierung) getrennt sind. Die erste Ziffer des Indexes kennzeichnet die Luftgüte und ist fest mit der Farbe für die Kartendarstellung gekoppelt. Sie ergibt sich aus der Bewertungsmatrix an-hand der Kombination der Diversitätswerte der Referenzarten und der Eutrophierungszeiger. Die zweite Ziffer - ebenfalls aus einer 5-stufigen Skala - symbolisiert den Einfluss eutrophierender Luftverunreinigungen und ist direkt abhängig vom Diversitätswert der Eutrophierungszeiger.
Beispiel: LGI 3 E4 --> 3 = Luftgütestufe "mäßig" / E4 = starker Einfluss eutrophierender Luftverunreinigungen



Nach oben